Die schöne neue Welt der Daten


Big Data is watching you

1.Facebook und Co. am Pranger

Marc Zuckerberg, Facebook Boss und Milliardär, in Anzug und Krawatte vor dem Untersuchungsausschuss, kleinlaut und unterwürfig, die Bilder gehen um die Welt. Eine Erinnerung an Schauprozesse -oder ist es eher Show – kommt auf. In diesen Tagen berichten die Medien fortgesetzt über Facebook , über vermeintlichen Datenmissbrauch und insbesondere über den Verkauf von Nutzerdaten an Cambridge Analytica, einer auf politisches Marketing spezialisierten britischen Firma.
Datenhandel durch Firmen wie Facebook ist nun keineswegs eine Neuigkeit. Das Geschäftsmodel dieser Firmen generiert doch vor allem mit dem Verkauf von Daten seine Einnahmen. Neu ist nur , daß Regierungen und ihre Medien sich jetzt damit intensiv befassen. Dies hat allerdings handfeste Gründe.

2. Das Brexit Votum, die Wahl von Trump: zwei Blitzsiege
Als Grund für die Aufregung um Facebook und Co. lassen sich schwerpunktmäßig der Ausgang des Brexit-Votums, die Wahl von Donald Trump und der Wahlerfolg der AfD bei der letzten Bundestagswahl anführen.
Die Europagegner um Nigel Farage haben Ende 2015 Cambridge Analytica mit der Durchführung ihrer Wahlkampagne beauftragt. Das Ergebnis ist bekannt und hat nicht nur die Demoskopen überrascht.
In der Folge wird Cambridge Analytica 2016 in den USA mit der Durchführung der digitalen Wahlkampagne von Donald Trump beauftragt.
Auch hier überrascht das Ergebnis die Demoskopen und die Welt. Was war geschehen ?
Cambridge Analytica hat in beiden Fällen eine Wahlkampfstrategie mit den Komponenten „Mobilisierung der eigenen Wähler“und die „Demobilisierung der gegnerischen Wähler“ mit Erfolg durchgeführt. Möglich wurde dieser Erfolg durch eine neuartige Kommunikation in bisher unbekannter Qualität . Es kamen auf einzelne Wähler ganz persönlich zugeschnittene Werbe-botschaften zum Einsatz. Diese Werbebotschaften wurden auf genauen Persönlichkeitsprofilen aufgebaut, die in den Datenbanken von Cambridge Analytica errechnet wurden. Jeder Wähler erhielt eine Werbebotschaft, die genau seiner Persönlichkeit entsprach. Er fühlte sich direkt angesprochen.Dies war revolutionär und ist es weiterhin. Vor allem war es höchst effizient .Die datenbasierten digitalen Wahlkampagnen von Cambridge Analytica – die Daten kamen von Facebook und aus vielen anderen Datenquellen – haben alle Prognosen über den Haufen geworfen und die politischen Machtverhältnisse grundlegend verändert und gestört.
Cambridge Analytica hat im Blitzkrieg der Daten zwei Blitzsiege errungen. Doch die überrumpelten Gegner sind nun gewarnt und werden sich kaum wieder überraschen lassen.

4. Verhaltenspsychologie: vorgestern ,gestern und heute
Die erfolgreichen Wahlkampagnen nutzen neuste Erkenntnisse der Verhaltenspsychologie. In den 1980 er Jahren wurde erstmals wissenschaftlich nachgewiesen, dass wenige Merkmale genügen, um jeden Charakterzug eines Menschen zu bestimmen. Es handelt sich um die fünf Merkmale Offenheit, Sorgfältigkeit, Extravertierung, Verträglichkeit und Verletzbarkeit , kurz die “Big Five“genannt . Diese Merkmale mußten damals zunächst aufwendig und oft manuell mit umfangreichen Fragebögen oder in anderen Befragungen erhoben werden. Die Auswertung der Daten mit der damaligen Rechentechnik war ebenfalls ein mühsames Unterfangen.
Doch dann kam den Psychologen die Technik zu Hilfe. Zunächst in Form relationaler Datenbanken, was damals als Demokratisierung der Daten gefeiert wurde. Hinzu kam eine rasant steigende Leistungsfähigkeit der eingesetzten Rechner. Doch bahnbrechend war schließlich das Internet und dessen sprunghafte Verbreitung und Nutzung.
In der Welt des Internet kommen die Psychologen schnell und einfach an ihre Daten. Die Fragebögen stehen quasi permanent im Netz und die Smartphones sammeln unablässig die Daten der Nutzer . Alles was geklickt, geteilt, geliked, nicht geliked, gepostet wird, wird registriert und automatisch in riesige Datenbanken eingespeist . Auf die wiederum greifen Algorithmen zu und berechnen die Persönlichkeitsprofile der Nutzer.
Und die Methoden der Psychologie werden ohne Unterlass weiterentwickelt und verbessert. Bereits ein Porträtfoto reicht heute aus, um den psychologischen Typ des Nutzers zu bestimmen. Mit 10 Facebook-Likes kann ein Mensch schon gut eingeschätzt werden. Circa 70 Likes genügen , um Intelligenz, politische Ansichten, sexuelle Neigungen ,Konsumwünsche und anderes zuverlässig zu berechnen.
In der Psychologie hat sich das Spezialgebiet Psychografie bzw. Psychometrie herausgebildet. Heute lässt sich zukünftiges Verhalten von Millionen Menschen voraussagen. Ab circa 300 Likes weißt die Maschine mehr über den Menschen, als dieser von sich selbst zu wissen glaubt. Und er wird zum gewünschten Verhalten „hin gestupst“- alles sehr bequem und ohne daß es wehtut.
Man kann dies als einen Angriff auf die unabhängige, freie Entfaltung der Persönlichkeit, gar auf die Menschenwürde ansehen. Der Mensch ist , ohne daß er es merkt , nicht mehr frei in seinen Entscheidungen. Die Freiheit zur persönlichen Entscheidung schließt die Freiheit zur Fehlentscheidung immer mit ein .Er wird nicht einmal gefragt, es wird über ihn verfügt. Wird eine hinreichend große Anzahl von Menschen eines Landes auf die beschriebene Art und Weise“bearbeitet“, bedeutet dies nichts anderes, als eine massive Einflussnahme auf die Willensbildung des Volkes. Das Subjekt der Verfassung wird zum Objekt, über das verfügt wird. Die Demokratisierung der Daten zeigt gerade ihre Kehrseiten. Wir leben in ungewöhnlichen Zeiten. Die“ Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley ist Wirklichkeit geworden.

5.Vom Sammeln von Daten zur Suche von Menschen
Seit wenigen Jahren gibt es eine weitere, revolutionäre Entwicklung : ausgehend von den feststehenden Profilen, kann die Maschine in den Datenmengen Menschen suchen, die zu den Profilen passen. Die Vorgehensweise ist also umgekehrt worden. Die Maschine zum Sammeln von Daten ist längst zur Maschine zum Suchen von Menschen geworden. Außer in Fachkreisen und bei einschlägigen Spezialisten ist dies kaum aufgefallen.
Davon profitiert die Wirtschaft, die Werbeindustrie , die Politik und auch das Militär. Die Ziele für die US- Drohnen in Afghanistan werden als sogenannte „insurgent targets“ aus den Datenmengen des Internets herausgefiltert. Neben der Freiheit und seiner Würde kann der Mensch also auch sein Leben verlieren.Doch auch wer nicht online ist, lebt gefährlich. Osama Bin Laden wurde gefunden, weil aus seinem belebten Haus in Pakistan keinerlei Kommunikation gemessen werden konnte. Auch Cornelius Gurlitt , dem betagten Kunstsammler, wurde zum Verhängnis, dass von ihm kaum Daten festzustellen waren. Unter anderem schrieb er seine Briefe mit der Schreibmaschine und nutzte die gute alte Post. Dies machte ihn verdächtig.
Die Welt von George Orwells „ 1984“, die härtere Alternative zur „Schönen neuen Welt“ von Aldous Huxley, ist ebenfalls Realität geworden. Big Data is watching you.
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6. Berliner Vorgänge und Reaktionen
Die Vorgänger um das Brexit-Votum und die Wahl von Donald Trump wurden in Berlin sicherlich aufmerksam beobachtet und analysiert. Dem Vernehmen nach sollen auch im Kanzleramt Spezialisten für „Nudging“an der Arbeit sein. Unter „Nudging“versteht man Verfahren, die die Menschen zu einem bestimmten Verhalten anleiten, „hin stupsen“wollen. Ähnliche Methoden haben die Manager des digitalen Wahlkampfes von Cambridge Analytica für den Brexit und für Donald Trump angewendet: die Menschen wurden zu einem bestimmten Wahlverhalten hin gestupst. Schlüsselfaktor solcher Strategien ist jeweils eine auf Daten aufgebaute persönliche Kommunikation mit den Wählern.
Irgendwann im September 2017 schrillen im Kanzleramt in Berlin die Alarmglocken: der AfD gelingt vor dem Hintergrund der Unruhe in der Bevölkerung wegen der Flüchtlingspolitik der Regierung zunehmend die Mobilisierung von Protestwählern. Die AfD hat in den sozialen Netzwerken mehr Follower als CDU ,CSU und SPD zusammen. Sie praktiziert eine neuartige Strategie und kommuniziert auf digitalen Wegen wirksam ihre Themen und politischen Positionen.
Dabei kann sie mit potentiellen Wählern direkt in Kontakt treten, ohne auf die Vermittlung ihrer Botschaften durch die etablierten Medien wie Presse , Rundfunk, Fernsehen und die Nachrichtenagenturen angewiesen zu sein. Die Kommentarfunktion, die Vermittlungsfunktion und vor allem die Filterfunktion der Medien greift nicht mehr.
Möglicherweise vor diesem Hintergrund fordert der damalige Chef des Kanzleramtes , Peter Altmaier (CDU) , die möglichen AfD Wähler auf, besser nicht zur Wahl zu gehen , als AfD zu wählen. Ein später und verzweifelter Versuch der Demobilisierung.
Im Ergebnis ziehen dann mit der AfD und auch mit der FDP Parteien in den Bundestag ein, die im Parlament nicht – die FDP seit 2013 nicht mehr -vertreten waren. Auch die FDP hat einen modernen digitalen Wahlkampf geführt. Die SPD bleibt in der digitalen Nische hängen und wird ein weiteres Mal das Opfer der Demobilisierung ihrer Wähler.
Datenbasierte digitale Kommunikation hat somit auch in Berlin die politischen Machtverhältnisse deutlich verändert. Dies kann nicht ohne Folgen bleiben. Es bestätigt sich wieder der alte Grundsatz: Quod licet Jovi non licet Bovi . Der Kampf um den Machterhalt hat auch in Berlin begonnen.

7. Mit etwas Verspätung : die ersten Gegenmaßnahmen
Das Votum für den Brexit, die Wahl von Donald Trump und auch die veränderten Machtverhältnisse im Deutschen Bundestag sind das Ergebnis neuartiger, datenbasierter, digitaler Wahlkämpfe. In Deutschland -wie auch in den USA und in anderen Teilen der Welt – laufen jetzt mit etwas Verspätung die Gegenmaßnahmen an. Erste Maßnahme in Deutschland war im letzten Dezember das so genannte Netz-Werk-Durchsetzungs-Gesetz (NWDG), das die Kommunikation in den sozialen Netzwerken einschränken wird .Was genau von wem gelöscht wird , ist für Außenstehende kaum transparent. Private Firmen löschen Beiträge und sperren Konten und veranlassen weitere Maßnahmen. Vereinzelt bemühen Nutzer die Gerichte.
Weniger freie Kommunikation bedeutet weniger Follower und weniger Daten . Die aktuellen Diskussionen um Facebook ,eine TelekomTochter und andere Beteiligte zielen auf die Weitergabe der gesammelten Daten, den Datenhandel und die mit ihm verbundenen Möglichkeiten, große Datenbanken anzusammeln. Ohne Datenbanken keine Suche nach Wählern im Netz und keine Mobilisierung regierungskritischer Wähler. In den begonnenen Auseinandersetzungen werden die Regierungen immer im Vorteil sein, da sie über die Hoheitsmacht verfügen und diese auch einsetzen werden.
Marc Zuckerberg wurde vor dem Untersuchungsausschuss vor allem vorgeworfen, die Geschäftsbedingungen von Facebook würden seine Nutzer nur unzureichend über die Datenverwendung informieren. Unangenehme, kritische Fragen wurden – nach Wahrnehmung der internationalen Presse – kaum gestellt.
Marc Zuckerberg hat, wo er nicht ausgewichen ist, reumütig sein Bedauern geäußert und Besserung gelobt. Das Sammeln von Daten, der Datenhandel selbst oder gar ein Verbot der Datenweitergabe war kein Thema. So ist der Kurs der Facebook Aktie noch während der Anhörung um ca. 4 Prozent gestiegen. Die Regierungen selbst sind an den Datenwolken im Netz und den großen Datenbanken interessiert. Je mehr umso besser .Wie sollen die Drohnen in Afghanistan auch sonst ihre Ziele finden. Aber Cambridge Analytica und Konsorten wird man das Leben schwer machen. Wie kann man sich auch nur in die Politik einmischen wollen. Die Messer der Regulierung sind gewetzt.

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